Ein Portrait mit Charakter (?)

Ein Portrait mit Charakter (?)

In letzter Zeit habe ich mich immer öfter gefragt, wieso mir das Fotografieren von Menschen keine große Freude mehr bereitet – wenn man bedenkt, dass ich jahrelang sehr viel Zeit und Mühe in meine Aufnahmen gesteckt habe, ist dieser Gedanke doch berechtigt. Immer wieder kommen Kollegen, Models und andere Bekannte, mit denen ich teils richtig coole Projekte umgesetzt habe, auf mich zu um wieder mal etwas in Angriff zu nehmen. Sobald ich die erstem Zeilen von Nachrichten diesen Inhalts lese, sträubt sich alles in mir. Ich habe einfach keine Lust mehr auf die alten Sachen, die die meisten Leute so cool fanden. Versteh mich nicht falsch, ich fand das damals auch total genial – aber Zeiten ändern sich, gleich wie Geschmäcker und Persönlichkeiten. Genauer gesagt treffen diese und viele weitere Dinge auf meine Situation zu. Heutzutage will ich keine romantisch-kitschigen Fotos mehr machen, da stellen sich direkt alle meine Haare auf. Ich will keine Fassaden mehr zeigen. Ich will die Betrachter nicht an einen anderen Ort holen, sie nicht zu träumen verleiten. Ich arbeite daran, meinen Stil mehr in Richtung Authentizität und innere Werte zu lenken, damit man mehr in sich hinein geht, anstatt davon zu träumen was da draußen so vor sich geht. Mehr Beschäftigung mit den eigenen Werten, Empfindungen und Gefühlen macht einen stärker, kräftigt das Bewusstsein und ist ein wichtiges Element, um sich über den Fokus im eigenen Leben klar zu werden. Fotografie kann dabei helfen, Emotionen Ausdruck zu verleihen, gleich wie Worte für die einen, oder Musik für die anderen. Voraussetzung dafür ist, sich Zeit zu nehmen – beim Fotografieren sowie beim Betrachten. Damit das Foto eine Seele bekommt und sich stimmig anfühlt, müssen für mich beim Fotografieren schon die richtigen Voraussetzungen bestehen: ein Setting bei dem sich mein Model und ich wohl fühlen, wir müssen eine Verbindung zueinander haben und uns irgendwie sympathisch sein. Ich will, dass sie (meistens sind es ja weibliche Models) sich gut aufgehoben fühlt, keine Scheu hat und sich natürlich verhält. In diesem Eintrag fasse ich die wichtigsten Inhalte des Shootings zusammen (bezüglich Umgang mit Model und Arbeiten an der Location), und gehe im Anschluss in einer kurzen Bildanalyse auf ein Ergebnis aus einem Shooting ein.

Viel Schnickschnack, knallige Farben, ein Thema war damals für mich immer extrem wichtig. 

Je auffälliger und pompöser, desto besser. Damals hatten wir sogar auch ab und zu tierische Begleiter mit auf den Bildern. Ich erinnere mich gern zurück, die Erfahrungen waren großartig!


Das Setting

 Heutzutage darf es schlicht und natürlich sein, gedeckte Farben und ungezwungenes Posing sprechen mich aktuell mehr an.

Heutzutage darf es schlicht und natürlich sein, gedeckte Farben und ungezwungenes Posing sprechen mich aktuell mehr an.

Damit die Grundstimmung entspannt ist, muss das Model darauf vertrauen können, dass ich weiß was ich tue. Ich erkläre vorher meist, worum es mir geht, frage nach ihrem Befinden und ihren bisherigen Modelerfahrungen, um alles ein wenig aufzulockern. Außerdem ist mir das Outfit oft relativ egal, sie soll etwas anhaben in dem sie sich wohl fühlt – das kann sexy sein, ein Schlabber-Look oder eine Jeans mit coolem Shirt. Schlussendlich ist das Outfit dazu da, die Grundstimmung zu unterstreichen – es ist also quasi ein Verstärker für Emotion seitens des Models. Viele Models, besonders während der ersten Shootings, sind ein wenig zurückhaltend und unsicher, wenn es um die Wahl des Looks geht. Wenn sie dann erstmal in ihrem Wohlfühl-Gewand sind und sie selbst sein können, geht auch das lockere Posing vor der Kamera viel leichter. Wichtig ist mir, dass wir beide wissen, was bei den Aufnahmen rauskommen soll (mir hilft oft ein Moodboard, um meine Erwartungen zu verbildlichen, einfach darzustellen und dem Gegenüber zu greifbar zu machen) und dass beide Seiten ähnliche Vorstellungen vom Ergebnis haben.

Beim Fotografieren

Ich lasse das Model dann meist einfach ein wenig posen, greife nur wenig ein und korrigiere nur Kleinigkeiten, zeige dann ein paar Aufnahmen um entweder zu zeigen was mir gefällt und welche Aspekte gut sind, oder um unsere Erwartungen nochmal abzugleichen. Gleichzeitig kann das Model mir Rückmeldung geben, was ihr gefällt und auf was ich achten soll. Nahezu jedes Model hat etwas, was sie auf Fotos nicht mag – und da sie sich schließlich fallen lassen und diese Dinge beim Posing außer Acht lassen soll, ist es die Aufgabe des Fotografen, darauf zu achten, dass dieser vermeintliche Makel nicht zur Geltung kommt (oder im Nachhinein zu korrigieren ist).

Gerne erzähl ich dem Model bei der Auswahl der Location (oder genauer gesagt, der konkreten Stelle) auch, wieso sie sich genau hier platzieren soll, warum ich das Gesicht in eine bestimmte Richtung gedreht haben will oder welchen Grund es hat, dass hier eine Pose besser kommt als eine andere. Das gibt ihr nochmal Vertrauen in mich, gleichzeitig lernt sie für zukünftigen Shootings worauf sie achten kann – das ist natürlich für Profimodels nicht mehr relevant, die wissen meist mindestens genauso gut über Bildwirkung und Lichtführung bescheid wie ich als Fotografin – dieser Austausch ist Gold wert.  

Bildauswahl & Bearbeitung

Ich achte beim Fotografieren sehr auf Bildaufbau, Vordergrund-Motiv-Hintergrund, Schärfe und Belichtung. Ich mag natürliche Rahmen bei Bildern und die Linienführung muss passen. Bei einem Shooting entstehen normalerweise um die 200-300 Fotos, im Normalfall wähle ich 5-7 für die Bearbeitung aus. Diese Aufnahmen sind als Rohdaten meist schon sehr nach an dem, wie ich es haben will. Einzig ein paar wenige Korrekturmaßnahmen bei Haut und Bildausschnitt sind ab und zu notwendig. Ich bin gespannt, wie sich meine Bearbeitungstechnik entwickelt, wenn ich mehr in diesem natürlichen Bereich arbeite – ich gehe davon aus, dass es sehr aufs Wesentliche reduziert werden wird. Zu dieser Serie kann ich sagen, dass mich die Bearbeitung weniger als 3 Minuten pro Foto gekostet hat und ich hauptsächlich an den Reglern für Weißabgleich und Lichter/Schatten gedreht habe.

Bildanalyse

Ausdruck: Bei der Bildauswahl ist das wohl der erste Schritt in meinem Workflow. Stimmt der Ausdruck nicht, kann keine Bearbeitung der Welt das Bild retten. Bei diesem Foto habe ich mich beim Betrachten sofort in Natalias‘ Blick verloren. Der leicht geöffnete Mund wirkt sinnlich und irgendwie verführerisch, aber auf sehr starke Art. Der Schatten dunkelt die eine Gesichtshälfte leicht ab, ein wenig Licht setzt aber Akzent auf die Wangenknochen. Insgesamt ist die Gesichtspartie also richtig stimmig für mich, also ist das Bild in der engeren Auswahl.

Bildelemente/Bildaufbau: Die große Fensterscheibe lässt sanftes Licht in den Raum, der sonst stockfinster ist. Grobe 50/50 Aufteilung stellt so einen guten Kontrast von hell/dunkel dar. Da ihr Shirt hell ist und in etwa der Farbe des Lichts entspricht, trägt das zum hellen Teil im Bild teil, sodass es wirklich Nahe an eine gleiche Aufteilung von hellen und dunklen Elementen kommt. Im Hintergrund sieht man ein paar helle Aufkleber, die mich aber soweit nicht stören. Würde man auf Perfektionismus achten, müsste man sie vermutlich wegretuschieren.

Linienführung: Die Linie die vom Rand links direkt zum Model führt, lenkt den Blick des Betrachters zum Motiv. Dass diese Linie sehr stark und breit ist, kommt dem Bild insofern zu Gute, als dass sie eine weitere große Fläche darstellt und eine wiederum ein Farbkontrast (schwarz auf hellgrau) zum hellen Shirt auf dunklem Hintergrund ist. Im Hintergrund sieht man weitere Linien, nämlich die waagrechten Griffe von Schubladen. Das wirkt auf den Betrachter ausgeglichen und ruhig.

Licht: Ich arbeite ausschließlich mit natürlichem Licht – hier ist demnach auch nichts außer dem Licht von außen verwendet worden. Ich mag, wie das weiche Licht die Akzente setzt und dem Model schmeichelt. Dass der Bereich hinter ihr so dunkel ist, ist für mich ideal, weil es nicht ablenkt und nur das Motiv hervorhebt.

Posing: Die Art, wie Natalia ihre Arme hält, finde ich insofern schön, als dass sie eine schöne Kurve bildet, die S-förmig ist (was wiederum ausgeglichen wirkt). Dass sie zum Licht steht, hat nicht nur den reinen Vorteil der idealen Ausleuchtung, sondern so kann auch gut mit der Reflexion gespielt werden. Zum Abschluss dieser Kurve haben beide Hände eine ähnliche Haltung.

Bildsprache: Um gleich bei den Händen zu bleiben: beide halten etwas, was sich als Sicherheit deuten lässt. Sie hat alles im Griff, ist sich ihres Wirkens bewusst. Deswegen erweckt auch der Ausdruck den Anschein, dass sie stark und bewusst ist. Der Blick ist gleichzeitig beruhigend und selbstsicher. Sie ist dem Licht zugewandt, kehrt dem Schatten den Rücken, schaut zur Seite, vergisst also auf ihre Umwelt nicht, während die Körpersprache zeigt, dass sie bereit ist, weiter nach vorne zu schreiten.

Alles in Allem wirkt das Bild nicht überladen, sondern eher reduziert. Es wirkt nahezu leicht, als wäre es in zufällig entstanden – als würde sie einfach in ihrer Pause den Tee trinken und ein wenig gedankenverloren aus dem Fenster schauen.

 

Fazit

An all das denke ich im Moment des Fotografierens natürlich nicht so detailliert. Ich habe aber im Gefühl, ob sich etwas gut oder weniger gut anfühlt, wenn ich mir ein Foto schnell am Kameradisplay anschaue. Ich glaube, dieses Gefühl für die Bildwirkung kommt, je mehr man sich mit Bildern auseinandersetzt - mit fremden, und mit dem eigenen. In meinen Anfängen habe ich oft Bilder meiner Vorbilder analysiert, um herauszufinden, was es genau ist, was mich an deren Aufnahmen fesselt – und wo der Unterschied zu meinen, weniger zufriedenstellenden Ergebnissen war.

Das Thema Bildsprache und Interpretation kommt jetzt mit meinem neuen Ziel, Fotos mehr auf den Charakter des Models zu fokussieren, an einen Punkt, an dem ich auch weiterlernen möchte. Das Geschriebene ist jetzt mein Status Quo, und ich bin gespannt darauf, was ich noch so dazu lerne. Wenn du Buchtipps, Blogs oder sonstige Quellen für relevante Inhalte kennst, lass es mich in den Kommentaren wissen. 😊 Ansonsten hoffe ich, dass du für deine Bilder etwas mitnehmen konntest!