Wie ein Auslandssemester alles verändert hat

Unistress, eine Beziehung die ihre besten Tage auch schon hinter sich hatte, die unbändige Freude auf das Gefühl alles hinter mir lassen, aber dabei nicht davonzulaufen. Das war meine Ausgangslage als ich im Dezember 2016 auf mein Auslandssemester hinfieberte. Natürlich freute ich mich extrem auf Taiwan selbst, auf die Natur und das komplett andere Leben. Aber ich sah das Auslandssemester von Anfang an ein wenig als Selbstexperiment: Ich wollte mich in gewisser Hinsicht neu erfinden, von ungewollten Verhaltensmustern trennen sowie möglichst oft aus meiner Komfortzone heraustreten. Und meine Komfortzone war damals spärlich. sehr spärlich. Ich fühlte mich unwohl in meinem Körper (und das trotzdem ich mein Zielgewicht nahezu erreicht hatte), traute mir zwar einiges zu, mir fehlte aber immer das letzte bisschen Schwung um Dinge richtig anzugehen. Ich war damit gesegnet, es immer allen recht machen zu wollen, fern der Tatsache dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich wollte niemanden vor den Kopf stoßen, hatte das Gefühl dass mich Leute nicht mögen und sowieso war ich meist der Parade-Außenseiter. 
In mir flackerte eine kleine Flamme, die nur aufs Benzin wartete.

Der Moment in dem ich in Graz ins Flugzeug stieg war befreiend. Ich fühlte mich unbeschwert und vorfreudig. Der 12,5h Stunden-Flug von Düsseldorf nach Hongkong verging nach 2 Gläsern Wein und einer halben Schlaftablette auch ganz gut. Und dann war es so weit, Anflug auf Taiwan.
Für wenige Sekunden während der Landung schossen mir die Freudentränen ins Gesicht. Es war wie Heimkommen, total erleichternd und überhaupt nicht einschüchternd. Ich freute mich auf alles was da kommen mag, auf unzählige Fettnäpfchen, verzweifelte Blicke meinerseits wenn ich vor unerwarteten Problemen stehe, auf eine Kultur die ich so gar nicht einschätzen konnte und auf ein knappes halbes Jahr völlige Freiheit.

Das Ankommen bedeutete aber auch dass es jetzt wirklich ernst wird. Ich bin die Sorte Mensch, die sich etwas vornimmt und das dann auf Biegen und Brechen umsetzt. Manchmal übertreibe ich es nur um mir selbst keine Niederlage einzugestehen - beste Voraussetzungen also für mein Projekt "Veränderung". In Taiwan legte ich also viele der mir selbst mit der Zeit auferlegten Regeln und Gewohnheiten ab und strukturierte mich langsam aber sicher um. Im Nachhinein kristallisierten sich diese 5 Punkte heraus die diesen Weg eigentlich gut zusammenfassen:

Taiwan-free
  • Geht nicht, gibt's nicht
    Wusste ich zwar schon vorher, aber die Umsetzung war dann doch immer ein wenig holprig. Auch wenn ich oft nicht weiß ob ich einer bestimmten Situation gewachsen bin: wenn ich mich ihr stelle, werde ich entweder eine positive Erfahrung machen, oder wissen woran ich arbeiten muss.
  • Niemand hat das Recht etwas von mir zu erwarten
    Die einzigen Erwartungen die ich erfüllen muss, sind meine Erwartungen ans Leben. Nicht die meiner Eltern, die meiner Freunde oder die der Foto-Community.
    Ich bin sehr pflichtbewusst und enttäusche Leute nur ungern, aber ich habe für mich beschlossen dass ich meine liebsten Leute gar nicht enttäuschen kann - sie sind glücklich wenn ich es bin. Sie verstehen zwar vielleicht nicht alle Entscheidungen, können meinen Hintergrund diesbezüglich nicht nachvollziehen, aber solange ich das kann, ist es genug.
  • Viele Probleme, Ängste oder Einschränkungen sind hausgemacht
    Wenn man ihnen Raum gibt, breiten sie sich aus - das ist auch der einfachste Weg: Akzeptanz. Aber sicher nicht der Weg der zu am meisten Wohlbefinden und Kraft führt. Man darf gewisse Veränderungen nicht zulassen, sondern sollte dagegenhalten um nicht in einen Strudel zu geraten der einen von einem Problem ins nächste reißt.
  • Veränderung passiert nicht einfach, man muss kontinuierlich an ihr arbeiten
    Ich würde gerne mal auf diesen Berg wandern. Außerdem möchte ich unbedingt mal auf dieser Insel an exakt diesem Strand sitzen und der Sonne beim Untergehen zusehen. Das Leben wäre so viel einfacher wenn ich keine Angst davor hätte mir einen Roller zu mieten. Übrigens, diese Leute wirken total entspannt und cool, die würde ich gerne besser kennenlernen; Man möchte es kaum glauben, aber für diese und ähnliche Situationen gibt es eine grandios-einfache Lösung: über den eigenen Schatten springen und sich selbst mehr zutrauen. Funktioniert wunderbar - ich fahre jetzt nämlich ein Motorrad, ganz ohne Angst - auch wenn mich die ersten paar Fahrten eine gewaltige Überwindung gekostet haben.
  • Akzeptanz und Neugier öffnen Türen
    Wenn ich eine Eigenschaft verbessert habe, dann meine Ungeduld und Erwartungshaltung gegenüber Arbeits- und Lebensweisen meiner Mitmenschen. Mir fiel es immer schwer mich damit anzufreunden wenn Dinge nicht so laufen wie ich es gewohnt bin oder gerne gehabt hätte - ich habe aber gelernt mich anzupassen und mit einer guten Mischung aus Verständnis und dem Aufzeigen anderer Möglichkeiten größeren Konflikten keine Chance zu geben. Ich wäre sonst so manches Mal auf der Uni oder auf Reisen richtig genervt gewesen - also mitunter eine richtig wichtige Errungenschaft die ich mit beibehalten werde.


Meine Umstrukturierungsphase ließ mich wachsen. Ich wurde mir selbst bewusster, lernte meine Stärken bewusst einzusetzen und fand Wege meine Schwächen zu akzeptieren. Das, und all die Erfahrungen die ich während dieser 5 Monate gemacht habe waren so prägend, dass ich wirklich behaupte, jetzt die beste Version meiner selbst zu sein, so gut wie noch nie zuvor. Das Schöne ist, dass das nichts Großartiges zu sein scheint aber es mir trotzdem ein komplett anderes Lebensgefühl gegeben hat. Der Anfang ist wie immer am schwierigsten: Erkenne, woran du arbeiten willst und immer wenn du dich dabei ertappst in alte, ungewollte Verhaltensmuster zu verfallen - Stopp. Triff die bewusste, vielleicht unangenehme Entscheidung und vertraue darauf, dass du dich verändern kannst wenn du wirklich willst und daran arbeitest.

Hast du so etwas vielleicht auch schon mal gemacht? Oder darüber nachgedacht dass du eigentlich viel mehr bist als die Leute oft sehen? Oder du dich aus Gewohnheit anders gibst und Dinge nicht tust weil du sie dir nicht zutraust? Erzähl mir davon, entweder in den Kommentaren oder per E-Mail! Ich freue mich über deine Geschichte!