3 Monate Krücken - ein Resümee

Wenn "stark sein" schwerer fällt als sonst.

23. März 2017, erste nachhaltige Erfolge dank guter Physiotherapie und Durchhaltevermögen. Ich sitze in der FH, schreibe an meiner Bachelorarbeit und kann für kurze Distanzen die Krücken liegen lassen. Dieser Moment, wenn du nach wochenlangem Kreislauf aus Schmerzen, Krankenhausaufenthalt, Operationen und Therapie wieder aus eigener Kraft stehen und gehen kannst – plötzlich fällt mir einfach ein großer Sack Ballast von den Schultern. Das für die meisten von uns normalste der Welt wird zu einem großartigen Geschenk.

 Aussicht von meinem Zimmer im UKH Graz

Aussicht von meinem Zimmer im UKH Graz

Mir haben so viele Leute positiv zugesprochen und mir immer wieder Kraft gegeben – denn auch ich bin nicht durchgehend stark und zuversichtlich. Weil ich so lange Zeit auf andere Menschen angewiesen war, fühlte ich mich nutzlos, hilfsbedürftig und unselbstständig – Empfindungen, die ich sonst eigentlich nie habe.

Ein kleiner Auszug? Ich kann nicht einkaufen gehen, da ich natürlich keine Hand frei habe. Ich habe zwei mal versucht, mit Rucksack und Sackerl bewaffnet, für 2-3 Tage Lebensmittel zu kaufen, aber es dauert ewig und ist einfach unangenehm. Das ständige Krücken-abstellen, sich entschuldigen weil man immer irgendwie im Weg steht, Waren einpacken und von Sackerl in den Rucksack räumen, du kannst dir das Theater vermutlich vorstellen. Oder die sonst so einfachen Wege zu Bim und Bus – bei Schnee, Glatteis und Regen schon eine Herausforderung für sich (man kann ja auch keinen Schirm halten im Falle von Regen) – aber dass das Salz/Schnee-Gemisch in Bim/Bus zu einer absolut rutschigen Angelegenheit wird, ist der pure Horror. Gleiches gilt natürlich für sämtliche Fliesenböden. Da die Krücken unten aus Gummi sind, geht man irgendwie wie auf Stelzen. Wenn eine „Stelze“ dann wegrutscht, hat das fast einen Mini-Herzinfarkt zur Folge in dem man sich nur wünscht, trotzdem irgendwie stehen zu bleiben. Da ich keinen einzigen Tag FH ausgelassen habe, habe ich mich diesem Kampf also 5 mal die Woche gestellt – mit der ständigen Angst, mir nochmal zusätzlich wehzutun. Aber was muss, das muss, richtig?

Aber was ist eigentlich passiert?

Am 11.12. wollte ich zur Arbeit fahren, bin vom Randstein runtergeknickt und habe mir den Meniskus gerissen. OP am 15.12., aus dem Krankenhaus am 22.12. glaube ich. Danach 6 Wochen auf Krücken, Teilbelastung. Am 16.2. die zweite Operation am Kreuzband, welches ich schon vor Jahren ruiniert habe – also eine Plastik bekommen.

Kurz vor der 2. OP konnte ich schon wieder kurze Distanzen gehen, war aber draußen immer noch an Krücken gefesselt. Nun gut, warum schreibe ich diesen Beitrag überhaupt? Ich werde nicht auf die OP oder sonstigen Verlauf eingehen, sondern eher darauf, was diese ganze Szenerie psychisch mit einem anstellt und wie ich damit umgegangen bin – vielleicht hilft dir das, solltest du (was ich wirklich nicht hoffe) auch mal in diesen Schlammassel kommen.

Hilfe, mein Körper funktioniert nicht mehr

Gehen gehört zu den Dingen über die man nicht nachdenkt – man tut es einfach. Wenn dir von jetzt auf gleich diese Fähigkeit genommen wird, bringt dich das zunächst vermutlich in eine kleine Schockphase. Anfangs war das für mich noch alles okay, so á la „naja, dann gebe ich eben ein paar Wochen Ruhe“ - aber so leicht war es dann doch nicht. Man merkt immer mehr, wie essentiell so ein Knie bzw. funktionierendes Bein ist. Zwei Krücken hindern dich nicht nur an einfachen Dingen wie ein Glas Wasser von einem Raum in den nächsten zu tragen, deinen Wäschekorb zu tragen, deine Schuhe im Stehen anzuziehen, dich sicher unter die Dusche zu stellen, ein Shirt vom oberen Teil deines Kastens zu holen oder einfach mal an einem schönen Tag durch die Stadt zu schlendern - und außerdem dauert alles ewig! Krücken halten dich außerdem anfangs davon ab, Sport zu machen – was wiederum zur Folge hat, dass körperliche Funktionen wie Verdauung & Stoffwechsel auch eingeschränkt werden. Du musst deinem Körper mit Anti-Thrombose-Spritzen darin unterstützen, das Blut anständig durch die Venen zu pumpen. Nach einer Operation fallen so einfache Dinge wie das Bein aufheben schwer. Und wenn es dann funktioniert, muss man doch die Zähne ganz schön zusammenbeißen – man möchte nicht glauben wie schwer so ein Bein tatsächlich sein kann und wieviel Schmerz da auf einmal spürbar wird. Für mich war es wichtig, in dieser Zeit nicht in eine Opfer-Rolle zu fallen. Die Verletzung bestimmt zwar meinen Tagesablauf und irgendwie auch mein Leben, aber niemals wollte ich (realistische) Unternehmungen oder Einladungen bei Freunden absagen, weil ich ja „auf Krücken“ unterwegs bin. Außer es ging von den Schmerzen her nicht, aber die waren nach Woche 3 so gut wie weg.  Meine Freunde haben mich immer mit eingebunden und mich nicht als „umständlich zu handhaben“ abgestempelt, was mir umso mehr das Gefühl gegeben hat trotzdem ganz normal agieren zu können. Ich bin auch für 2 Tage nach Kroatien gefahren und habe dort ein paar Shootings gemacht -  auf Krücken :D mit genug Willen, Vorsicht und natürlich auch der passenden Unterstützung ist nahezu alles machbar.

 Im Jänner war volles Haus beim Photonexus - solange ich hauptsächlich sitzen konnte, war das also locker möglich

Im Jänner war volles Haus beim Photonexus - solange ich hauptsächlich sitzen konnte, war das also locker möglich

 Beim Konzert von Nothing But Thieves war die Stimmung auch toll - ich bin halt an der Bar gesessen und hab das Konzert von dort aus genossen... besser als garnicht!

Beim Konzert von Nothing But Thieves war die Stimmung auch toll - ich bin halt an der Bar gesessen und hab das Konzert von dort aus genossen... besser als garnicht!

 Ein Ergebnis aus der Serie von Kroatien

Ein Ergebnis aus der Serie von Kroatien

Höre auf deinen Körper - oder doch nicht?

Später in der Therapie kam dann für mich ein Faktor hinzu, der besonders schwer war. Ich höre immer sehr genau auf meinen Körper und schätze seine Signale auch meistens gut ein. In der letzten Woche war es allerdings unangenehm: Die Signale mussten rigoros ignoriert werden. Nach 4 Wochen kann man nach einer Kreuzband OP wieder gehen – zumindest theoretisch. Bei mir ging zwar Strecken, Beugen und diese Geschichten wieder schneller als üblich, aber ich konnte einfach nicht gehen. Mein Knie war wie Pudding, ich fühlte mich instabil und war trotz der Stabilisierungs-Übungen einfach unfähig das verletzte Bein zu belasten. Mein Körper sendete alle Warnsignale und so musste  meine Therapeutin alle Register ziehen damit ich diese Warnsignale mal ignoriere und meinem Körper zeigen kann, dass er „sich mal nicht ins Hemd machen“ soll. Also wurde es dann mit ständigem Überwinden innerhalb einer Woche so gut, dass ich jetzt wieder halbwegs gehen kann.

Hier ist also eine gute Therapie wichtig und auch ein Therapeut, der sich wirklich mit deiner individuellen Baustelle auseinandersetzt; und natürlich, dass man sich selbst herausfordert und nicht in das Denkmuster verfällt, dass man eines Tages aufwacht und alles wieder wie früher ist - man muss tagtäglich hart dafür arbeiten.

Ist das eigentlich Eifersucht?

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Drittens war es für mich noch extrem schwer, das Glück der anderen dauerhaft mitzuerleben und selbst so eingeschränkt zu sein. Klingt jetzt vielleicht ein wenig egoistisch, aber 3 Monate zu Hause im Bett verbringen und dann ist der einzige Grund rauszugehen die Uni oder die Therapie und ein paar Ausflüge und Unternehmungen in der light-Variante - das ist eben auch kein Spaß. Ich muss sagen, ich freue mich immer sehr wenn Leuten, die ich mag, etwas Gutes passiert oder sie eine gute Zeit haben. Das inspiriert mich und motiviert mich auch! Und dann sitze ich da, voller Tatendrang und schaue an mir herunter und bekommt einen Klotz im Hals weil ich mit dieser blöden Verletzung daheim festsitze.
Ich habe dann in der Reiseplanung einen Ausweg für mich gefunden – habe zum Beispiel meinen Sommer geplant, und zwar bis ins kleinste Detail – und mich so ein wenig weggeträumt. Es gibt ja viele Möglichkeiten, wie man dann trotz körperlicher Einschränkungen etwas Produktives machen und gleichzeitig Vorfreude sammeln kann.

 

Fokus!

Mein Tipp generell, egal um welche Verletzung es geht: Fordere dich selbst heraus, nimm nichts einfach so hin. „Geht nicht, gibt’s nicht“ – natürlich im sicheren Rahmen! Alles was dich ein wenig aus der Komfortzone holt (die ohnedies schon recht schmal ist bei Verletzungen *g*) und dich ein wenig über dich selbst hinauswachsen lässt, ist gut. Nicht aufgeben, auf deinen Körper fokussieren und wenn es mal einen schlechten Tag gibt (und den wird es geben) diesen auch zulassen, jedoch nicht dauerhaft in Selbstmitleid versinken; irgendwann muss auch gut sein mit Traurigkeit, Ausweglosigkeit und Unsicherheit.

Ich bin jetzt endlich am Weg der endgültigen Besserung – und Ende Mai steht ein weiterer (sportlicher) Meilenstein an, nämlich eine 12h-Wanderung. Bis dorthin heißt es natürlich: kräftig trainieren, meine Ausdauer wieder steigern und das Bein bestmöglich darauf vorbereiten.

Jetzt sind ja 2 Wochen Osterferien, die ich hauptsächlich mit Bachelorarbeit-schreiben verbringe, aber natürlich auch nutze um mehrmals pro Woche im Fitnessstudio Radfahren zu gehen und meine Physiotherapie im Krankenhaus grundsätzlich abzuschließen.

Abschließend bleibt nur mehr zu sagen: #comebackstronger – ich hab nur Anlauf genommen 😊

PS: Danke an meine Lieben, ohne euch wäre diese Zeit um einiges schwerer gewesen. ♥